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Herbst 2019

Autoritäre Regime mit totalitären Ideologien sind weder neu noch im globalen Maßstab in der Minderheit. Neu seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist jedoch, dass sich nun auch die westlichen Demokratien, die als Antwort auf Faschismus und Diktatur des Proletariats im Einflußbereich der Sowjetunion entstanden waren, mit demokratischen Prozeduren zu autoritären Regimen zurückzuentwickeln beginnen. Schritt für Schritt schwächen oder beseitigen sie die demokratischen Institutionen, unsere Wertvorstellungen und die formellen und informellen Regeln unseres Zusammenlebens. Unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung werden Bürgerrechte ausgehöhlt und ein System der Überwachung etabliert, wie es noch vor ein paar Jahrzehnten unvorstellbar gewesen wäre. Diese Entwicklungen haben einen erst langsam sichtbar werdenden Einfluss auf unsere Lebensweise, auf unsere Selbstwahrnehmung und Positionierung in der Gesellschaft. Mit diesem Programm wollen wir deshalb den Veränderungen mit Blick auf das Individuum nachgehen und danach fragen, was sie für unsere Lebensweise bedeuten, und welche Möglichkeiten wir haben, Widerstand zu leisten.

Bevor wir die politischen Verhältnisse in der Perspektive ihrer Bedeutung für das Individuum betrachten, will ich auf ein neues Buch von Slavoj Žižek hinweisen, in dem er zusammen mit Frank Ruda und Agon Hamza aufs neue versucht, die Gesellschaftstheorie von Karl Marx für die Analyse unserer Welt nutzbar zu machen. In ihren unkonventionellen Marx-Lektüren geht es den Autoren nicht darum, den Marxismus als Wissenschaft zu begründen, wie Althusser es versuchte, sondern darum, zu überlegen, wie dem Marx’schen Korpus von der Gegenwart aus neues Leben eingehaucht werden könnte. Ohne dogmatische Vorannahmen prüfen die drei Theoretiker das Marx’sche Denken auf seine Tauglichkeit für das 21. Jahrhundert, indem Sie es ausgehend von Platon, Hegel und Lacan neu lesen.

Alain Badiou, auch er eher ein Theoretiker der großen politischen Zusammenhänge, sucht in seinem neuen Buch bei Passagen Logik der Revolte Auswege aus der Perspektivlosigkeit, die unsere Gegenwart in seinen Augen charakterisiert. Er plädiert dabei für die Abkehr von den herrschenden Imperativen unserer Zeit: von der Kommunikation, dem egoistischen Streben nach individueller Bereicherung und der einseitigen Fokussierung auf Jugendlichkeit und Genuss. Stattdessen rät er zu einer gründlichen Auseinandersetzung mit den emanzipativen Kräften der Vergangenheit, mit den künstlerischen, wissenschaftlichen und politischen Wahrheiten, aus denen neue innovative Perspektiven entwickelt werden können.

François Jullien wählt in seinem neuen Buch bei Passagen Ein zweites Leben einen anderen Weg. Um die westliche Perspektive besser zu verstehen, bringt er das europäische Denken in einen Dialog mit der chinesischen Tradition. Dabei interessiert er sich vor allem dafür, auf welche Weise sich Veränderungen in unserem Leben vollziehen. Er möchte dadurch verstehen, wie man aus der Wiederholung ausbrechen und unerforschte Möglichkeiten freisetzen kann, um so vom bloßen Leben zum wirklichen Existieren überzugehen.

Jean-Luc Nancy dringt in seinem neuen Passagen-Buch Körper in den Kern der menschlichen Existenz vor, indem er die Erfahrung der Körperlichkeit in all ihren Facetten – von der Sexualität bis hin zur Kunst – durchleuchtet. Der Körper erscheint dabei als die Schwelle, an der sich das Eigene und das Fremde berühren, als Ort der ursprünglichen Begegnung mit dem Anderen, an dem das Gemeinschaftliche seine Wurzel hat.

Literatur ist ein privilegiertes Mittel zur Erforschung und Erweiterung des menschlichen Erfahrungshorizonts. Deswegen steht sie diesmal im Zentrum von zwei Neuerscheinungen, die einen besonderen Akzent auf die politische Bedeutung des literarischen Schreibens und der Lektüre literarischer Texte legen.

Jacques Rancière lotet in seinem jüngsten Buch Die Ränder der Fiktion die Tiefen und Untiefen des literarischen Erzählens aus. In Auseinandersetzung mit großen Werken der Weltliteratur zeigt er, wie die Literatur immer wieder die Grenzen der Logik überschreitet, die unsere alltäglichen Sehgewohnheiten strukturiert und die sowohl die von den herrschenden Paradigmen der Sozialwissenschaft als auch vom journalistischen Schreiben reproduziert wird.

Gemeinsam mit Alain Badiou und Philippe Lacoue-Labarthe ist Jacques Rancière ein weiteres Mal mit einem literarischen Thema in unserem Herbstprogramm vertreten. In einer lebhaften Diskussion, die 1996 im Pariser Théâtre de L’Odéon stattfand, arbeiten die drei Philosophen die lange Zeit kaum beachtete politische Dimension der Werke des französischen Dichters Stéphane Mallarmé heraus. Dabei offenbart das oft als hermetisch bezeichnete Werk des französischen Symbolisten in der Lektüre der drei Philosophen eine erstaunliche politische Relevanz.

Neben dem eben skizzierten Schwerpunkt sind in unserem Programm aber auch ökologische Themen, wie sie Felix Guattari in Die drei Ökologien behandelt, sowie Einzelanalysen zu verschieden Aspekten der gesellschaftlichen Entwicklung und zu philosophischen Grundsatzfragen vertreten. So untersucht Günther R. Burkert Die vernetzte Universität und vertritt die These, dass die gesellschaftliche Relevanz unserer Universitäten davon abhängt, ob sie ihr Menschenbild der Selbständigkeit gegen die vom Silikon Valley propagierte Idee der Gestaltung des Menschen durchsetzen kann. Christoph Kniest wiederum erinnert uns in seinem Buch Politische Technologie daran, dass die Frage nach der Form gerechten Zusammenlebens von Beginn an im Zentrum der Philosophie stand und nicht von außen an sie herangetragen werden muss.

Und zum Schluss auch wieder mein Hinweis auf unsere Arbeit in anderen Medien. Wie Sie wissen, verhandelt der Passagen Verlag seine Themen mit seinen Autorinnen und Autoren auch in der Veranstaltungsreihe Passagen Gespräche (Volksbühne Berlin, Kampnagel Fabrik Hamburg, Gessnerallee Zürich). Hinweise zu den aktuellen Terminen, Videos sowie Berichte über unsere Veranstaltungen und Aktivitäten finden sie auf facebook.com/PassagenVerlag und auf youtube.com/PassagenVerlag.

Bitte beachten Sie auch unsere vergünstigten Studienausgaben auf S. 41 dieses Programms.

Peter Engelmann

Zum Katalog als PDF-Version gelangen Sie hier.

 
Peter Engelmann

Peter Engelmann