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Frühjahr 2020

Unser Spitzentitel in diesem Programm, Die populistische Vernunft von Ernesto Laclau, avancierte im englischen Sprachraum in kurzer Zeit zu einem modernen Klassiker, der nun endlich auch in deutscher Sprache erscheint.

Seit dem Erscheinen des Buches hat die Zahl rechtspopulistischer Regime stark zugenommen. Bürger- und Menschenrechte werden abgebaut, Meinungs- und Pressefreiheit werden abgeschafft, rechtsstaatliche Institutionen werden ausgehöhlt oder beseitigt, am Ende droht ein autoritär regierter Überwachungs- und Polizeistaat. Hannah Arendt hat diese Staatsform im 20. Jahrhundert als Totalitarismus analysiert. Ihr gemeinsamer Nenner sei, dass sie sich mit totalitären Ideologien legitimieren, indem sie sich als Vollstrecker eines absoluten Wahrheitsanspruches verstehen. Wenn heute stattdessen von populistischen Regimen gesprochen wird, deutet das darauf hin, dass wir die gegenwärtigen Erscheinungsformen mit der Analyse Hannah Arends nicht mehr ausreichend erklären können und eine Weiterentwicklung der Theorie brauchen. Obwohl diese neuen autoritären Regime alle Merkmale totalitärer Herrschaft aufweisen, muss die Analyse heute erweitert werden. Neben der Totalitarismustheorie von Hannah Arendt gehört heute eine Theorie des Populismus in unsere Toolbox für die Analyse der neuen gesellschaftlichen Entwicklungen.

Statt, wie es heute weit verbreitet ist, Populismus als Schlagwort zu benutzen, mit dem man auf den politischen Gegner eindrischt, versucht Laclau, eine historische und systematische Erklärung des Populismus. Er untersucht in seinem Buch die Konstruktion popularer Identitäten und die Entstehung des ‚Volkes‘ als kollektiver Akteur und gewinnt daraus eine fundierte Bestimmung und Positionierung des Begriffs Populismus. Seine Analyse erklärt, warum dieser Begriff heute eine zentrale Bedeutung für die Erklärung des fortschreitenden Umbaus demokratischer Staaten zu autoritären Regimen erlangt hat. Theorien, aber auch Politiken, die den Populismus als Randphänomen verächtlich machen und ignorieren, verfehlen nicht nur ihren Gegenstand, das Politische und die Politik, sie berauben uns auch der Möglichkeit, die gegenwärtigen gesellschaftlichen Umbrüche zu verstehen.

Unser zweiter Schwerpunkt in diesem Programm ist Jacques Derrida. Am 20. Juli 2020 wäre er 90 Jahre alt geworden. Wenn Sie das Passagen Programm kennen, wissen Sie, dass eines unser Hauptanliegen seit der Gründung war, die Texte der zeitgenössischen französischen Philosophie und insbesondere das Werk Jacques Derridas für das deutschsprachige Publikum zugänglich zu machen.

Die Philosophie Jacques Derridas ist ein weiteres wichtiges Tool für das Verständnis der politischen Vorgänge unserer Zeit. Anläßlich seines 90. Geburtstages, aber auch zunehmender Angriffe auf seine freiheitliche Philosophie, möchte ich meinen Platz in diesem Vorwort zu unserem Programm diesmal dazu nutzen, hier kurz auf seine Aktualität angesichts der Rückkehr identitärer Politikkonzepte eingehen.

Nach der glücklichen Phase, mindestens für Europa, nach 1989 zeigen sich nun die Konsequenzen des Wegfalls der Dichotomie zwischen der Sowjetunion und den drei anderen Siegermächten des Zweiten Weltkriegs. Das Gesellschaftsmodell der sozialen Markwirtschaft und das politische System der liberalen Demokratie werden zunehmend als Agenten einer zügel- und rücksichtslosen Globalisierung denunziert. Die in diesem Prozess Benachteiligten finden zunehmend Gehör bei neuen politischen Gruppierungen, die als populistisch bezeichnet werden, weil sie die Sorgen und Ängste dieser Menschen aufgreifen. Die Schattenseiten der westlichen Demokratie werden immer deutlicher sichtbar, denn die Etablierung liberaler Demokratien erweist sich nun auch als Voraussetzung einer nach 1989 noch einmal verstärkten und scheinbar grenzenlos ausgedehnten Globalisierung. Der Widerstand dagegen ist deshalb illiberal, nationalistisch, intolerant und ausgrenzend. Mit der Verabsolutierung des Nationalismus feiert auch der Fremdenhass in seinen traditionellen Formen als Antisemitismus und Rassismus ein offenes Comeback. Die Errungenschaften der weltoffenen und toleranten demokratischen Phase der westlichen Demokratien werden dabei immer mehr zurückgedrängt. Und in einem Aufwasch damit die philosophischen Wegbereiter dieser Weltoffenheit und Toleranz. Individuelle Rechte, Bürgerrechte, Menschenrechte, Rechtssicherheit statt Recht des Stärkeren, Minderheitenrechte – alles Errungenschaften der liberalen Demokratie – gelten nun als zweitrangig, wenn nicht gar als falsche Werte. Individuelle Freiheit, Vielfalt und Toleranz als Leitbegriffe der westlichen Demokratie werden ersetzt durch identitäre Politikkonzepte, deren Kehrseite immer schon die Ablehnung und der Ausschluß des Anderen waren. Analog zu dieser Entwicklung auf der Ebene des Politischen nehmen auch die Angriffe auf Philosophien zu, die sich als philosophische Grundlegung einer freiheitlichen, toleranten Gesellschaft verstehen. Insbesondere Jacques Derrida ist in jüngster Zeit verstärkt das Ziel medialer Attacken, und zwar aus verschiedenen politischen Richtungen, denen aber gemeinsam ist, dass sie eine reaktionäre Antwort auf die Schattenseiten der Globalisierung geben. Sie suchen das Heil in der Rückkehr zu Politikkonzepten, die auf Philosophien beruhen, die Jacques Derrida als metaphysisch charakterisiert hat und denen er seine Theorie einer differentiellen Bedeutungskonstitution als Grundlage einer freiheitlichen Politikidee gegenüberstellt. Kern der metaphysischen Philosophie ist, daß sie dem Individuum nur als Moment des Ganzen Geltung zugestehen. Damit ist nicht die Freiheit des Individuums der Ausgangspunkt des Gesellschaftlichen, das sich nach Kant´schen Prinzipien organisieren muss, sondern ein Abstraktes, übergeordnetes Ganzes, dass über das Individuum verfügen kann – die Basis jeder totalitären Ordnung also.

Unseren diesjährigen Derrida-Schwerpunkt eröffnen wir im Frühjahrsprogramm mit drei Titeln, in denen sich Derrida mit Themen und Motiven von hoher politischer und ethischer Relevanz beschäftigt. Die Todesstrafe II schließt das Seminar zur Todesstrafe ab. Zusammen mit dem zweiteiligen Seminar Das Tier und er Souverän zeigen und dokumentieren die beiden Bände der Todesstrafe den letzten Abschnitt seines Denkens, wie er es im 21 Jahrhundert entwickelt hat. Sie bilden ein Kompendium der letzten Phase seines philosophischen Schaffens.

Und zum Schluss auch wieder mein Hinweis auf unsere Arbeit in anderen Medien. Wie Sie wissen, verhandelt der Passagen Verlag seine Themen mit seinen Autorinnen und Autoren auch in der Veranstaltungsreihe „Passagen Gespräche“ (Volksbühne Berlin, Gessnerallee Zürich). Hinweise zu den aktuellen Terminen, Videos sowie Berichte über unsere Veranstaltungen und Aktivitäten finden sie auf facebook.com/PassagenVerlag und auf youtube.com/PassagenVerlag.

 

Peter Engelmann

 

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Peter Engelmann

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