Lange Zeit haben wir die Bedrohung durch totalitäre politische Regime oder durch extreme politische Gruppen, die bewusst die Regeln demokratischer Auseinandersetzung negieren, als wichtigste Gefahr für unsere demokratische Ordnung gesehen. Heute müssen wir diese zu enge Sicht erweitern. Die Demokratie wird aus ihrem Inneren heraus auf vielfältige Weise ausgehöhlt. Demokratisch nicht legitimierte Teilbereiche wie die Finanzindustrie entfalten gewaltige zerstörerische Hebelwirkungen nicht nur auf die Wirtschaft, sondern weit darüber hinaus auf den sozialen Zusammenhang und das politische System. Nach seiner breit besprochenen Analyse der Demokratie, "Wahrheit der Demokratie", die 2009 bei Passagen erschien, legt Jean-Luc Nancy in seinem neuesten Buch "Identität" den Finger auf ein anderes zerstörerisches Element: die von der französischen Regierung als Wahlkampf- und Ablenkungsmanöver inszenierte Debatte über die nationale Identität, die destruktive Affekte im Inneren der Gesellschaft aktiviert, welche geeignet sind, die Demokratie zu destabilisieren.
Zum 80. Geburtstag von Jacques Derrida können wir unseren Autor mit der ungeduldig erwarteten Übersetzung seines Buches "Das Tier, das ich also bin" ehren. Derrida wendet sich darin gegen die in der philosophischen Tradition vorherrschende Dichotomie von Mensch und Tier als Gegenüberstellung von Vernunft und Mangel an Vernunft. Er zeigt, wie sie dazu dient, die Vorherrschaft des Menschen zu begründen und seine Animalität auszulöschen. Derrida zeigt uns in seinem Buch die Zerbrechlichkeit der Grenze zwischen dem "Eigenen" des Menschen und dem Tier.
Auch der Münchener Philosoph Matthias Gaertner zielt mit seiner nunmehr schon dritten Erörterung des Wesens des Menschen, "Die Sinne erörtern den Leib", auf die unverstellte Erörterung von Grundfragen unserer Selbstbestimmung als Menschen und plädiert dabei für eine Ausdehnung unserer Vorstellung von Sinnlichkeit.
2008 lud ich einige junge Wiener AutorInnen zu einer neuen Reihe ein, mit der ich zeigen wollte, dass in Wien mehr zu finden ist, als verschulte akademische Philosophie und das öde Verwalten großer Traditionen, so wichtig sie auch für unser Denken sein mögen. "Denken im Affekt" thematisiert das Verhältnis von Denken und Affekten und ist der erste Band der "Pratersternprotokolle", die das große Potential einer neuen Generation von PhilosophInnen abseits des akademischen Mainstreams dokumentieren sollen.
"Rumänien heute" von Iulia Dondorici bietet einen kritischen Überblick über die Entwicklung Rumäniens in den verschiedenen gesellschaftlichen Feldern nach dem Ende der Diktatur. Mit diesem Buch eröffnen wir unsere zweite neue Reihe in diesem Herbst. Für uns ist "Passagen Europa Süd-Ost" ein Forschungsprojekt, mit dem wir uns einen Überblick über die intellektuellen, künstlerischen, philosophischen, kulturellen genauso wie über die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Entwicklungen in den Ländern Ost- und Südosteuropas verschaffen wollen. Statt wie andere Verlage bisher nur die literarischen Entwicklungen zu registrieren, wollen wir in unserer Reihe die gesamte Entwicklung mit ihren vielfältigen Schichten und Verästelungen ansprechen.
Auch eine neue Zeitschrift finden Sie ab Herbst in unserem Programm. "Bemidbar. Jewish Thought and Philosophy" wird von Willi Goetschel herausgegeben und wird eine europäische Plattform für jüdisches Denken und jüdische Philosophie sein.
Abschließend möchte ich Ihre Aufmerksamkeit gern noch auf Elisabeth von Samsonows spannende Neuinterpretation von "Egon Schiele: Ich bin die Vielen" mit einem Vorwort von Peter Sloterdijk hinweisen.
Über die vielen anderen neuen Bücher aus unserem Verlagsprogramm informieren Siedie folgenden Seiten. Ich hoffe, dass Sie auch diesmal etwas für sich finden und wünsche Ihnen wie immer neue Erkenntnisse und Spaß bei den Lektüren.
Peter Engelmann
Zum Herbstprogramm 2010 gelangen Sie hier: PDF-Download

Peter Engelmann