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Frühjahr 2019

Wie schon bei Stefan Zweig scheint die Welt, wie sie war, wieder einmal im Verschwinden begriffen. Es sieht so aus, als wären wir zum zweiten Mal in unserem Leben Zeugen einer tiefgreifenden historischen Verschiebung, dieses Mal allerdings zum Schlechten. Mit dem gleichen ungläubigen Staunen, mit dem Stefan Zweig das Aufkommen des Hitlerfaschismus mit ansah und wir den Mauerfall und das Ende des sowjetischen Imperiums erlebt haben, stehen wir nun vor der bis vor kurzem unvorstellbaren Erosion aller Werte und Institutionen der westlichen Nachkriegsdemokratie und ihrer Verwandlung in demokratisch gewählte autoritäre Regime – und das nicht nur in Asien, Afrika und Südamerika, sondern mitten in Europa. Nach dem Verfall des sowjetisch beherrschten Blocks scheint nun auch sein damaliger Gegenpart, die Vereinigung der westlichen Demokratien, zu zerfallen. So wie sich Russland unter Gorbatschow auf sich selbst zurückzog und damit den Zerfall des sowjetischen Blocks und die Verwandlung der einzelnen Staaten in Demokratien auslöste, führt der neue Nationalismus der Trump-USA zur Zersetzung der westlichen Nachkriegsallianzen und zu immer neuen Auflösungstendenzen der Demokratie in den einzelnen Ländern des westlichen Verbundes. Dieser Prozess ist in vollem Gange und nimmt immer mehr Fahrt auf. Auch 2019 leben wir deshalb nach wie vor – und mehr denn je – im Krisenmodus. Keine Gewissheit scheint mehr zu gelten, tiefgreifender Umbruch auf allen Gebieten, Kräfteverhältnisse wandeln sich radikal, alte Allianzen zerfallen, neue bieten sich nicht an, Orientierung fällt zunehmend schwer. Globalisierung und Digitalisierung schaffen völlig neue wirtschaftliche und politische Verhältnisse. Die unregulierten transnationalen Konzerne lassen unsere nationalstaatlich organisierten politischen Verhältnisse zunehmend obsolet erscheinen. Überall erstarken deshalb populistische Parteien, die als Antwort auf die zerstörerischen Kräfte der Globalisierung und der Digitalisierung autoritäre Politikkonzepte anbieten. Sind sie einmal an der Macht, beginnen sie, Rechtsstaatlichkeit abzubauen und die westlichen Demokratien dadurch zu zerstören. Damit ist die Globalisierung nun auch bei uns angekommen und zerstört traditionelle Lebensformen, wirtschaftliche Verhältnisse und politische Ordnungen – nicht irgendwo auf der Welt, sondern mitten im Zentrum westlicher Demokratien.

Aber wie jede Krise ist auch die Krise unserer westlichen Lebensform hoffentlich eine Chance. Jedenfalls machen wir diese Idee zum Leitgedanken unseres neuen Programms. Wir präsentieren Ihnen Bücher und Passagen Gespräche, die die gesellschaftliche Situation im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung thematisieren und Möglichkeiten suchen, der sich abzeichnenden Entwertung der Demokratie entgegenzuwirken. Denn trotz aller Schwächen sind Rechtsstaatlichkeit und demokratische Regierungsform nach meiner Überzeugung die wichtigsten zivilisatorischen Errungenschaften, die wir haben.

Die rechtspopulistische Kritik an der Globalisierung und Digitalisierung führt nicht nur zu nationalistischer Abschottung und Fremdenhass, sondern auch zu autoritären Politikkonzepten, die bedenkenlos rechtsstaatliche Institutionen zerstören und Demokratie nur noch als Vehikel zur Machtergreifung schätzen. Wenn wir in unserem Frühjahrs-Programm Positionen linker Globalisierungs- und Digitalisierungskritik zur Diskussion stellen, liegt das besondere Augenmerk bei den hier vorgestellten Positionen – vor allem bei jenen, die sich auf Marx berufen – auf ihrem Verhältnis zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie.

Als erstes möchte ich Sie auf ein neues Passagen-Buch hinweisen, mit dem wir die bewährte und über viele Jahre erfolgreiche Kooperation des Passagen Verlags mit dem Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) wiederaufnehmen. Die neue Leiterin des IWM, Shalini Randeria, fragt mit einer Reihe erstrangiger Autorinnen und Autoren nach den Grenzen der Demokratie. Wie ist es möglich, dass die Demokratie im Moment ihres bisher größten Erfolges in den Augen ihrer Bürger immer mehr an Legitimität verliert? Wie können demokratisch legitimierte Instanzen die grundlegenden Prinzipien und Institutionen der Demokratie in Frage stellen und abschaffen? Was bedeutet das für die Demokratie?

Ernesto Laclau und Chantal Mouffe nähern sich in ihrem Klassiker der linken Demokratie-Theorie Hegemonie und radikale Demokratie, der nun bereits in der sechsten Auflage erscheint, dem Thema Demokratie über eine Kritik des Marxismus. Für sie ist nach dem Ende des „realen Sozialismus“ 1989 eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Demokratie unausweichlich. Mit den Überlegungen Gramscis, Foucaults und Leforts erarbeiten sie eine neue Theorie des post-individualistischen Liberalismus, der pluralen Demokratie und des nicht-totalitären Sozialismus.

In seinem Buch Rede an die Jugend und 13 Thesen zur Politik fragt Alain Badiou, inwiefern die Annahme der Gleichheit aller Menschen die Grundlage jeder emanzipatorischen Politik bildet und wie sie mit der Anerkennung individueller Unterschiede vereinbar ist. Im zweiten Teil untersucht er die Proteste der letzten Jahre, um daraus Lehren für die politische Organisation von Emanzipationsbewegungen zu ziehen. Jacques Rancière umkreist in An den Rändern des Politischen das Feld des Politischen, um zu einem neuen Begriff der Emanzipation zu finden.

In das Spektrum linker Überlegungen zur Verbesserung der Gesellschaft gehört auch das von Ingo Kramer herausgegebene Gespräch zwischen Louis Althusser und der mexikanischen Autorin Fernanda Navarro. Es fasst unter dem Titel Philosophie und Marxismus zentrale Themen wie Ideologie, Macht oder das Verhältnis von Philosophie und Marxismus auf gut verständliche Weise zusammen und bildet so einen idealen Einstieg in das Denken Althussers.

In ihrem Gespräch über die Geschichte und das gesellschaftlich Imaginäre versuchen Cornelius Castoriades und Paul Ricœur, die Handlungsmöglichkeiten auszuloten, die den Menschen in konkreten historischen Situationen offenstehen. Wenn wir dem fortschreitenden Umbau von Demokratien zu autoritären Politikformen Widerstand bieten wollen, kommen wir um die Beantwortung dieser Frage nicht herum.

Schließlich liefert auch unsere Autorin Hélène Cixous mit ihrem neuen Buch Eine deutsche Autobiographie einen wichtigen Beitrag zu einem Kernthema der Krise unserer Demokratie. Im Gegensatz zur populistischen Abwehr des Fremden betont sie das wertvolle gesellschaftliche Potential von Migration und Mehrsprachigkeit.

Jean-Luc Nancy ist ebenfalls mit einem neuen Buch vertreten. Körper, so der Titel des Buches, vereint Texte über den Körper, von denen viele zum ersten Mal auf Deutsch zu lesen sind. Sie geben einen Überblick über Nancys Arbeit anhand eines zentralen Motivs seines Denkens.

Didier Eribon, neu in unserem Verlag und der letzte in unserer Riege französischer Theoretiker in diesem Programm, erforscht in Theorien der Literatur anhand des Werkes von Marcel Proust die theoretischen Möglichkeiten des literarischen Schreibens, die er in seinem Bestseller Rückkehr nach Reims selbst eindrucksvoll demonstriert hat.

Bitte beachten Sie auch unsere vergünstigten Studienausgaben auf S. 17 dieses Programms.

Peter Engelmann

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Peter Engelmann

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