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"Der Unfall" und der Übersetzer [«]

Paul Maercker im Gespräch über seine aktuelle Virilio-Übersetzung: "Der eigentliche Unfall". © Passagen Verlag, Karin Hartmeyer

"Der eigentliche Unfall" ist nach der "Universität des Desasters" das zweite Werk, das Sie nun von Paul Virilio übersetzt haben. Hat die bereits gemachte Virilio-Erfahrung Ihre Herangehensweise an die aktuelle Übersetzung beeinflusst?

Natürlich. Virilio benutzt eine eigene Terminologie, zum Teil Wortschöpfungen und Wortspiele, die sich im Laufe seines umfangreichen Werks wiederholen. Deshalb haben mir nicht nur meine Arbeit an der "Universität", sondern auch Virilios andere Werke sehr geholfen. Mit der Zeit findet man den Ton, das erleichtert das Übersetzen.

Worin liegt für Sie der Unterschied zwischen einer so genannten literarischen Übersetzung und der eines wissenschaftlichen Textes? Verschwimmen diese Grenzen bei einem Virilio-Essay?

Die literarische Übersetzung gehört für mich zu den größten Herausforderungen überhaupt, was die Arbeit mit der Sprache betrifft. Das Hineinfühlen in die spezifische Sprache des Autors wird umso schwieriger, je mehr es im Text um die Sprache selbst geht. Ein literarischer Text erzählt etwas, das auf diese Art und Weise noch nie erzählt wurde. Im wissenschaftlichen Text dagegen geht es um inhaltliche Präzision, um sprachliche Konventionen und konkrete Begrifflichkeit. Und ja, die Grenzen verschwimmen, weil der "Unfall" z.B. poetische Elemente hat, aber durchaus wie ein wissenschaftlicher Text daherkommt, mit Definitionen, Zitaten usw. Ich versuche also, dem essayistischen Stil gerecht zu werden, obwohl meiner Ansicht nach dieses Genre in Frankreich viel verbreiteter und auch anerkannter ist als im deutschen Sprachraum.

Als Übersetzer sind Sie für die Rezeption des Werkes im deutschsprachigen Raum maßgeblich mitverantwortlich. Wird im Laufe Ihrer Arbeit das Original zu Ihrem Werk oder halten Sie hierbei bewusst Distanz?

Sicherlich übersetzt jede/r anders. In dem Sinn ist die Übersetzung also schon ein Stück von mir. Auf der anderen Seite bin ich überzeugt, dass man beim Übersetzen so nah am Autor bleiben muss, wie die Formulierung es zulässt. Ich vermeide Wortneubildungen und orientiere mich, wie gesagt, an bereits vorhandenen Übersetzungen. Die Distanz, die ich versuche zu halten, ist eine der persönlichen Meinung, der Gefühle: Natürlich bin ich nicht immer einverstanden mit dem, was der Autor sagt, und dann kommt es darauf an, den Text nicht zu verbiegen, nur damit er mir passt.

In "Der eigentliche Unfall" thematisiert Virilio das Phänomen des Unfalls und problematisiert unter anderem dessen Unvorhersehbarkeit. Kann man sich gegen einen Unfall wehren oder gar vor ihm schützen?

Virilios Projekt ist die Schaffung einer Epistemologie des Unfalls, den er übrigens im weitesten Sinne versteht. Er will das Versagen, das Scheitern und die Grenzen der Technologien philosophisch verankern. Seine Kernaussage folgt aus der Hypothese, dass bei jeder Erfindung, jeder neuen Technologie deren potenzielles Versagen immer implizit miterfunden wird. Wenn man, so Virilio, von vornherein nicht vom möglichen Funktionieren, sondern vom möglichen Versagen dieser Erfindung ausgeht, kommt man eventuellen Katastrophen zuvor. Das meint er mit der Aussage, man solle den Unfall (unserem Blick) aussetzen, anstatt sich dem Unfall auszusetzen.

Gibt es in der heutigen beschleunigten Zeit mehr Unfälle als vor hundert Jahren oder sind es bloß andere geworden?

Virilio geht es immer um die Perspektive, um den Standpunkt, von dem aus ein bestimmtes Phänomen betrachtet wird. Seine Untersuchungen zur Geschwindigkeit – Stichwort Dromologie – bestimmen selbstverständlich auch diesen Essay, und deshalb sieht er hier sowohl eine absolute Zunahme an Unfällen als auch eine Veränderung der Natur des Unfalls. Dabei spielt vor allem die mediale und politische Globalisierung eine entscheidende Rolle. Wenn heute in Spanien ein Zug entgleist, können wir das wenige Stunden später überall auf der Welt sehen, und diese Gleichzeitigkeit und ständige Abrufbarkeit verändert laut Virilio den Unfall selbst.

In Zeiten akut gewordener Auswirkungen des Klimawandels erhält die Berichterstattung über Naturkatastrophen, denen sich Virilio auch widmet, einen weiteren bitteren Beigeschmack –kann man bei solchen Beispielen noch von Unfällen sprechen oder geht es vor allem um Schuldzuweisungen? Sind aktuelle Unfälle Ausdruck der Krankheit einer heutigen Gesellschaft?

Dem heiklen Thema des Terrorismus zum Beispiel steht Virilio ziemlich radikal gegenüber: Für ihn ist Terrorismus der gesellschaftliche Unfall, das Versagen des Zusammenwirkens von Politik und Zivilgesellschaft, dessen Ursache er in der vor allem medialen Beschleunigung des gesellschaftlichen Lebens verortet. Aber trotz aller Fortschrittsskepsis ist Virilio kein Fatalist. Er ist ein Mahner, der uns zur Vernunft bringen will, indem er uns an die Grundprinzipien der Wissenschaft erinnert, an eine Bescheidenheit des Denkens, die der Vorstellung von unendlichem Wachstum und unhinterfragten Techologien eine Absage erteilt.

Informationen über Paul Virilio im Passagen Verlag finden Sie hier

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