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[Passagen Interview]: Josef Hoffmann [«]

[Passagen Interview]: Josef Hoffmann

Josef Hoffmann: Philosophien der Kriminalliteratur

 

Der Passagen Autor Josef Hoffmann veröffentlichte im August diesen Jahres sein Buch „Philosophien der Kriminalliteratur“. In einzelnen Essays zu PhilosophInnen bzw. AutorInnen von Krimis geht er  dem Zusammenhang von Philosophie und Kriminalliteratur nach – einer Verbindung, die sich als komplexer und reichhaltiger erweist, als dies auf den ersten Blick scheinen mag. Im Interview mit dem Passagen Verlag erklärt er, wie sich Philosophie und Kriminalliteratur beeinflussen können und was das aufklärerische Erbe der Kriminalliteratur ist.

In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich mit den Zusammenhängen zwischen Philosophie und Kriminalliteratur. Dies scheint überraschend – galt doch die Kriminalliteratur in der Kritik lange Zeit als trivial oder bloß unterhaltsam. Wie lässt sich diese Aburteilung des Krimis Ihrer Meinung nach erklären und was würden Sie darauf erwidern?

Josef Hoffmann: Zum einen gibt es eine große Zahl von Krimis, die intellektuell anspruchslos, schlecht geschrieben und nicht einmal besonders unterhaltsam sind. Zum anderen wurde lange Zeit eine strikte Trennung zwischen ernster (hoher) und unterhaltsamer (niederer) Literatur vorgenommen. Diese Trennwand wurde spätestens mit dem Aufkommen der „Cultural Studies“ zunehmend durchlöchert und abgebaut. Der Unterhaltungswert eines Erzähltextes schließt nicht aus, dass er auch ein Reflexionspotential enthält, mitunter einen philosophischen Gedanken. Krimi ist eben nicht gleich Krimi.

Die einzelnen Essays Ihres Buches folgen allesamt der Annahme, dass ein Beeinflussungsverhältnis zwischen Philosophie und Kriminalliteratur besteht. Wie würden Sie diese Einflussnahme beschreiben? Und wirkt diese einseitig, oder kommt es zu einer wechselseitigen Bereicherung?

Josef Hoffmann: Die Vielfalt der Philosophie und die Vielfalt der Kriminalliteratur mahnen zur Vorsicht, ein generelles Beeinflussungsverhältnis anzunehmen. Ich bin bei bestimmten Kriminalautoren fündig geworden, was den Einfluss philosophischer Gedanken auf ihr Werk anbelangt. Der Einfluss ist verschiedenartig. Er kann sich aus dem Zeitgeist ergeben, daraus, dass bestimmte Philosophien angesagt waren, er kann sich aber auch in einem eigenständigen philosophischen Denken der Autoren äußern, das unter Umständen Ähnlichkeiten mit bestimmten Philosophien aufweist. Ein philosophischer Einfluss auf die Kriminalliteratur kann sich vor allem über gemeinsame Themen wie Gut und Böse, Gerechtigkeit, Wahrheit, Vertrauen, Tod usw. ergeben.

Der Einfluss der Kriminalliteratur auf die Philosophie ist geringer. Er äußert sich vor allem in Aufsätzen oder Bemerkungen von Philosophen zur Kriminalliteratur. Ausnahmsweise kann sich die regelmäßige Lektüre von Kriminalgeschichten auf die Art der Beispiele in einem philosophischen Text oder die Art Fragen zu stellen auswirken. Am ehesten sehe ich solche Einflüsse bei Ludwig Wittgenstein, dem ich deshalb ein eigenes Kapitel gewidmet habe.

Wie würden Sie ihr eigenes Vorgehen beschreiben? Sie selbst haben eine „Spurensuche“ in den Kriminalgeschichten als auch bei diversen PhilosophInnen betrieben – war ihr Vorgehen eher ein philosophisches oder ein kriminalistisches?

Josef Hoffmann: Meine Vorgehensweise ist sicher nicht kriminalistisch im Sinne der wissenschaftlichen Kriminalistik oder Kriminologie. Sie ist auch nur partiell philosophisch und philosophiegeschichtlich. Sie ist am ehesten literaturwissenschaftlich, ein wenig beeinflusst von den „Cultural Studies“. Vornehmlich habe ich Texte von Klassikern der Kriminalliteratur sorgfältig dahingehend gelesen, ob sich philosophische Einflüsse finden lassen, sowie Texte von Philosophen, von denen bekannt ist, dass sie Kriminalgeschichten gelesen haben, nach Spuren ihrer Krimilektüre untersucht.

Sie heben in Ihrer Untersuchungen besonders die Suche nach gesicherter Wahrheit und Erkenntnis als Übereinstimmung zwischen Kriminalgeschichte und Philosophie hervor. Wie würden Sie hier die Philosophie von anderen, besonders den naturwissenschaftlichen, Wissenschaften im Verhältnis zur Kriminalgeschichte abgrenzen?

Josef Hoffmann: An mehreren Stellen betone ich, dass die Suche nach Gerechtigkeit eine weitere Gemeinsamkeit von Kriminalliteratur und Philosophie ist. Diese spielt in den Naturwissenschaften keine Rolle. Sie spielt größtenteils auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften keine Rolle. Philosophie zeichnet sich überdies durch „Was ist“-Fragen wie „Was ist Wahrheit?“, „Was ist Gerechtigkeit?“, „Was ist Glück?“ aus. Solche Fragen sind für Naturwissenschaften nicht bestimmend, die einen anderen Gegenstandsbereich haben. In Kriminalgeschichten können dagegen solche Fragen gelegentlich gestellt werden. Aber es gibt auch Philosophen, die „Was ist“-Fragen oder die Suche nach Wahrheit ablehnen. Auch dort, wo ich in meinem Buch der Einfachheit halber von Philosophie spreche statt von der Mehrzahl der Philosophen oder bestimmten, vorherrschenden Philosophien oder bestimmten Philosophien, die ich bevorzuge, verstehe ich Philosophie im Plural.

Sie sprechen außerdem davon, dass Kriminalgeschichten prototypisch rational Darstellbares schildern und dadurch auch „rational aufklärbar und beherrschbar“ seien. Dies sei „das unausgesprochen zugrundeliegende Versprechen jeder Kriminalgeschichte“. Wie würden Sie in Bezug darauf Kriminalromane wie die von Wolf Haas oder Doris Gercke einschätzen, in welchen Verbrechen durch Zufälle oder Intuition aufgeklärt werden?

Josef Hoffmann: Hier liegt ein Missverständnis vor. Mit „rational aufklärbar“ meine ich nicht, dass ein   Kriminalfall nur mit der Ratio aufgeklärt werden kann bzw. darf. Selbstverständlich gehören Zufall und Intuition auch dazu. Dies wird bei meinen Ausführungen zu Friedrich Dürrenmatt und zu Dashiell Hammett deutlich, dass der Zufall eine gewichtige Rolle spielt, übrigens gerade auch in der Philosophie von Charles Sanders Peirce, die Hammett beeinflusst hat. Die Intuition spielt in der Kriminalerzählung „Das Fräulein von Scuderi“ von E. T. A. Hoffmann eine maßgebliche Rolle. Es geht bei dem besagten „Versprechen“ der Kriminalliteratur darum, dass es mit diesseitigen Dingen zugeht, dass nicht durch ein Wunder Gottes der Fall gelöst wird oder durch ein Gespenst ein Mensch getötet wird oder durch eine Geheimwaffe, die es nicht gibt und auch nicht herstellbar ist, der Täter  geschnappt wird oder durch ähnliche übersinnliche Kräfte etwas bewirkt wird. Es gibt neuere Tendenzen in der Kriminalliteratur, die die Grenze zum Fantasy- und Mystery-Roman überschreiten. Nun steht es jedem Schreibenden frei, Fantasy- und Kriminalgeschichte zu mischen, und es mag Leserinnen und Leser geben, denen dies gefällt. Mir nicht, da das aufklärerische Erbe der Kriminalliteratur verloren zu gehen droht. Im Übrigen schätze ich sowohl die Kriminalromane von Wolf Haas als auch Doris Gercke. Dagegen habe ich kritische Vorbehalte gegenüber ganz und gar durch die Ratio, insbesondere Logik geprägte Kriminalgeschichten, was ich beispielsweise auch in meinem Sherlock Holmes-Kapitel darstelle.

An einer Stelle des Buches sprechen Sie davon, dass sich die Entstehung der Kriminalgeschichte einer bestimmten geistesgeschichtlichen Konstellation verdanke und auch in weiterer Folge durch den historischen Kontext bestimmt bleibt. Welche (zeit-)typischen Merkmale würden Sie dahin gehend für heutige Kriminalromane hervorheben?

Josef Hoffmann: Die geistesgeschichtliche Konstellation wird zu der Zeit, als Edgar Allan Poe seine Detektivgeschichten veröffentlichte, also in den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts, durch drei Elemente geprägt: durch das Erbe der Aufklärung, durch das Erbe der Romantik und durch die positivistische Wissenschaft. Poe gelingt es in meisterlicher Weise, diese drei Stränge in der Kriminalgeschichte zu verbinden. Auch in heutigen Kriminalromanen lassen sich die drei Stränge auffinden: das Geheimnisvolle des Verbrechens, die Nachtseite des Lebens, die Aura des Heroischen, sei es beim Detektiv oder Verbrecher, als romantische Elemente; die akribische kriminalistische Ermittlungsarbeit der Polizei unter Einsatz wissenschaftlicher Untersuchungsmethoden als wissenschaftliches Element; die säkulare Vernunft, die bei der Art und Weise der Ermittlungen vorherrschend ist (was im Einzelfall Zufall, Intuition, Gefühle, Vorurteile und Aberglauben nicht ausschließt) als aufklärerisches Element.

Im letzten Kapitel des Buches erläutern Sie die Funktion des Tröstenden von Kriminalgeschichten als auch der Philosophie. Welche anderen Funktionen können Ihres Erachtens sowohl Kriminalgeschichten als auch die Philosophie einnehmen und wo sehen Sie Übereinstimmungen bzw. Unterschiede?

Josef Hoffmann: Ich verstehe in Ihrer Frage die Funktion in Bezug auf die Leserin und den Leser, nicht im Hinblick auf Verleger, die mit Kriminalgeschichten einen Gewinn erwirtschaften wollen. Kriminalliteratur sowie Philosophie können einen anderen Blick auf die Welt bzw. Teile der Welt als den bisherigen eröffnen. Sie ermöglichen auch, dem Alltag zu entfliehen und in eine andere Sphäre einzutauchen. Beide können auch beunruhigen und ängstigen. Philosophie kann bekanntlich das Staunen lehren. Diese Funktion sehe ich bei der Kriminalliteratur wenig ausgeprägt. Dagegen kann Kriminalliteratur in stärkerem Maße ein Mitfühlen mit Ereignissen, die Menschen zustoßen, mit ihren Leiden bewirken.